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Das Unsichtbare schauen Antonio Cattaruzza 

 “Das Unsichtbare schauen”: Diesen einzigartigen, enigmatischen und scheinbar widersprüchlichen Titel trägt die Ausstellung von Giovanni Pulze, die auf österreichischem Boden im kleinen Kärntner Ort Sankt Georgen am Längsee, etwa 20 km nördlich von Klagenfurt, Kunstbegeisterten offen steht. Sankt Georgen ist eine sehr alte Kärntner Siedlung mit einem ehemaligen Benediktinerinnenstift, dessen Ursprünge auf die Jahre 1002/1003 zurückgehen. Der Maler der “Großstadt-Engel”, wie er oft genannt wird, der aktuell hier zu Gast ist und  in Italien bereits seit längerem gut bekannt ist, steht heute aus verschiedenen Gründen im Zentrum des Interesses der internationalen Kunstszene. Er ist, zwar, ein zeitgenössischer Künstler, der sich mit einer scheinbar schlichten Form der Malerei ausdrückt, eine intensive Farbgebung wählt, einen materiellen und figurativen Stil und eine rasche Ausführung pflegt. Nach aufmerksamer Analyse erweist er sich als sehr originell und informationsreich. Um auf den Titel der Ausstellung einzugehen, lohnt es sich zwei Kunstströmungen zu nennen, die im Italien des 20. Jahrhunderts quasi zeitgleich entstanden sind: der historische Futurismus und die metaphysische Malerei. Die Geburt des historischen Futurismus ist im Jahr 1909 anzusetzen; die metaphysische Malerei entstand nur wenig später. Die Ausdrucksformen und Inhalte der beiden Strömungen sind sehr gegensätzlich: Während beim Futurismus Dynamik, Intensität, Schnelligkeit und Exzess im Vordergrund steht, wird die metaphysische Malerei von der Aufhebung von Raum und Zeit dominiert  so dass sie eine Atmosphäre des totalen Stillstands erzeugt. Nicht nur das Tempo fehlt –  alles scheint in einem Augenblick ohne Zeit geradezu eingefroren zu sein. Der Futurismus möchte die Kunst als einen verächtlichen Schrei des Exzesses darstellen; in der Metaphysik hingegen dominiert die Dimension der größtmöglichen Stille. Die größten Werke der futuristischen Meister Umberto Boccioni, Giacomo Balla und Luigi Russolo stehen den Werken der Metaphysiker Giorgio de Chirico, Alberto Savinio und Arturo Nathan  Gegensätze gegenüber, wobei sich die Künstler aber auch auf die jeweils andere Kunstströmung beziehen. Auf der einen Seite also die Exaltiertheit der Bewegung, die sich nie mit räumlich-zeitlichen Konzepten begrenzen lässt; auf der anderen die Darstellung von etwas, das außerhalb der physischen Erscheinung der Realität und der Sinneswahrnehmung liegt. In den Bildern von Giovanni Pulze spiegeln sich beide oben genannten Konzepte wieder; Pulze kommuniziert jedoch mit Sensibilität und Überzeugung in der artikulierten Welt der künstlerischen Kommunikation und der “Medien” des 21. Jahrhunderts auf neuartige und originelle Art und Weise eine eigene und neue Botschaft. Er kann als Vertreter einer neuen Strömung bezeichnet werden: des “Metaphysischen Futurismus” oder “Futurmeta”. Sein malerisches Werk ist stets in den urbanen Kontext größerer oder kleinerer Städte der Welt eingebettet und nie in ein ländliches oder landschaftliches Ambiente. Seine Bilder zeichnen sich durch ihre farbenfrohe Komposition und die originelle Wahl des Bildausschnitts aus, in einer von technischen Geräten geprägten Welt, wie wir sie aus dem Alltag kennen. Besonders Verkehrsstaus zu den morgendlichen und abendlichen Stoßzeiten, überfüllte Stadtzentren in denen die Aufregung des modernen Lebens besonders hervorgehoben wird, Motorräder als Quell ohrenbetäubenden Lärms, und Busse und U-Bahnen dienen als Symbole der technischen Entwicklung und der Dynamik des urbanen Fortschritts. Die Farbbeherrschung Pulzes tritt besonders in seinen monochromen Werken hervor, in denen er durch seinen meisterhaften Einsatz des Chiaroscuro das Pathos der darin enthaltenen Botschaft weiter unterstreicht. Die Malereien des “futur-metaphysischen” Künstlers lassen sich aber nicht nur durch ihre Farbgebung und großstädtische Einbettung charakterisieren. Weitere Elemente seiner Kunst, die Aufmerksamkeit verdienen, sind etwa die ständig präsenten weißen Staubflocken, die über die ganze Leinwand verteilt scheinen und die wiederkehrenden Regenschirme: Der Staub dient hier nicht nur als dekoratives Element, sondern als Anreiz, ein Bild nicht bloß oberflächlich wahrzunehmen, sondern alle das Werk konstituierenden Elemente zu interpretieren und genauer zu betrachten (Gebäude, Farben, Personen, technische Geräte, Hintergrund etc.); die Schirme illustrieren die “individualistische Blase”,  die die Menschen umgibt und es ihnen unmöglich macht, ihr menschliches Umfeld wahrzunehmen. Nur wer diesen Schirm senkt oder zumacht, also seine Blase verlässt, begibt sich in die Situation, die Menschen der Gesellschaft wahrnehmen zu können. Nur so kann er auch die Präsenz von jemandem spüren, der – mit dem diakritischen Merkmal der rein symbolischen, einfachen und nicht weiter charakterisierten Engelsflügel ausgestattet – aktiv versucht, eine positive Beziehung mit uns allen einzugehen. Hier sind wir bei einem bisher unbeachteten Thema angelangt, der dominierenden Botschaft im malerischen Werk  Giovanni Pulzes und dieser Ausstellung: dem Großstadt-Engel. Damit bezieht sich Pulze auf den Individualismus unserer Gesellschaft, der durch IT-Gerätschaften wie Mobiltelefone und Computer, sowie Webdienste wie Facebook und Twitter verstärkt wird, ebenso wie auf den mit Lärm, Hektik und Ablenkung verbundenen Alltagsstress, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die ständige Möglichkeit zur Kommunikation zwischen den Personen, die nicht einen Augenblick innehalten, um die positiven Energien aufzufassen, die in ihnen jedoch eigentlich existieren. Brot als ewiges Symbol und Element des Lebens, das sich in der christlichen Eucharistie wiederfindet, trägt all jene reichhaltigen und nicht nur spirituellen Elemente in sich, um auf die „nährende“ Beziehung mit dem Nächsten hinzuweisen, die man mit einem erneuerten Geist eingehen kann – auf die oft jedoch vergessen wird. Der Engel, der natürlich aufgrund der beiden engelhaften Symbole – seiner Flügel – erkennbar ist, wird zum Botschafter der Hilfsbereitschaft und des Mitgefühls, da er zu einer empathischen, positiven und großherzigen Beziehung bereit ist, die dann zur Realität wird, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Daher wird der Engel, der unsichtbare Botschafter der Liebe Gottes in der Bibel und den Heiligen Schriften, für uns sichtbar, weil – wie der Künstler suggeriert – jeder von uns imstande ist, den Botschafter der Liebe (den Engel), richtig zu interpretieren, der demjenigen die Hand ausstrecken kann, der sie braucht oder mit einer einzigen Geste auch die tiefste Traurigkeit verschwinden lassen kann. Junge, Alte, Kranke, Ausländer, Nichtchristen und so weiter; alle sind eingeladen, die uns allen innewohnende göttliche Präsenz auszudrücken. Der positive Appell, der zur Überwindung von Chaos, Gleichgültigkeit und Einsamkeit antreibt, die wir heute unter Zwang hinnehmen müssen und es uns so unmöglich machen, uns von der Verzweiflung zu erholen, ist wichtig. Denn in jedem Winkel der Erde – unabhängig von dem dort praktizierten Glauben – können wir einem Unbekannten begegnen, der sich mit uns in Verbindung setzt, und durch den wir Negatives in Positives, Verzweiflung in Lichtstrahlen und Bitterkeit in unerwartete Freude verwandeln können.